ZAM_Koala_FB_werbequad_V01_neu_0918.jpg

ZOMBIES AUF MALLORCA, Outtakes: Der Koala 

Hinweis: Diese Geschichte wurde speziell als kleines, in sich geschlossenes Goodie verfasst. Die normalen Outtakes sind umfangreicher. 

 

Hätte Ollie Schubert am Abend zuvor weniger getrunken, wäre der folgende Tag womöglich anders verlaufen. Wir wissen es nicht. Doch Ollie war notorisch pleite, wie so einige Mallorca-Auswanderer. Deshalb blieb ihm, neben dem Aushilfsjob als Türsteher in der berühmt-berüchtigten Bierhöhle, nichts weiter übrig, als auch tagsüber ein paar Stunden zu arbeiten.

Müde hob er den bleischweren Schädel und kämpfte sich trotz des maroden Zustandes aus dem klebrigen, verschwitzten Bettzeug. Heilige Makrele, geht's mir schlecht, dachte er zermürbt und wankte stöhnend in Richtung Bad. Sein Oberstübchen pochte im Rhythmus eines wild gewordenen Dschungel-Bongos und alle Eingeweide schienen zu schrumpfen, zu wandern oder Hochseilartistik aufzuführen. Oh Mann, meldete gleichzeitig sein Gehirn, besser wieder zurück. Eine verlockende Vorstellung, aber er schüttelte langsam den Kopf. Geht nicht. Ohne Pinunzen nichts zu funzen ...

Vor dem Bad blieb er keuchend stehen und rüttelte müde an der Tür. Sie war verschlossen. Offensichtlich hatte sein nervtötender Mitbewohner Lars die Nasszelle in alleinigen Beschlag genommen.

Ollie klopfte an das rissige Kunstholz und rief mit schmerzverzerrtem Gesicht: »He! Beeil dich, ich muss zur Arbeit!«

Ein unfreundlich klingendes brummiges Stöhnen und dumpfe Schläge, offensichtlich aus der Badewanne, antworteten ihm.

Ja, du mich auch, dachte Ollie und fügte leise hinzu: »Scheiße, was für'n ungehobelter Arsch.«

Dann machte er sich auf den Weg in die Küche. Er konnte genauso gut das Frühstück vorziehen, bis dieser Hirni fertig mit dem Geplansche war.

Nach einem dünnen Kaffee und einem zwei Tage alten, abgeblätterten Croissant, ging es Ollie etwas besser. Das Dschungel-Bongo war verklungen und hatte der wohltönenden Geräuschkulisse eines Großstadtbahnhofs Platz gemacht.

Was soll's? Wenn ich heute einen Berg Kohle einnehme, reicht's in der Apotheke auf jeden Fall für eine XXL-Packung Aspirin. Er versuchte über den verheißungsvollen Gedankengang zu lächeln, aber ein stechender Schmerz versagte ihm jede aufkeimende Freude.

Weitere Minuten verrannen, doch Lars bequemte sich selbst jetzt nicht aus dem Bad.

Ollie ließ ein paar derbe Flüche und Beschimpfungen vom Stapel. Dann stapfte er in die winzige Gästetoilette und absolvierte eine schnelle, sehr oberflächliche Katzenwäsche.

Wenig später verließ er die gemeinsame Wohnung mit seiner unhandlichen, recht schweren Ausrüstung unter dem Arm.

»Lars, du bist ein verdammtes Arschloch. Hoffentlich ersäufst du im Bad!«, rief er zum Abschied über die Schulter.

Sekunden später krachte lautstark die schwere Tür ins Schloss. Die Wucht des Ereignisses schien das alte Gemäuer bis hinab ins Erdgeschoss erzittern zu lassen.

»Ups ...«, murmelte Ollie leicht betreten.

Nunmehr bestand die hervorragende Chance, weiter unten abgefangen zu werden. Vom ewig mies gelaunten Vermieter, der dort wohnte und gerne Standpauken hielt - von wegen Ruhestörung, Vandalismus und Randale.

Ollie seufzte und seine müden Schritte hallten durchs leere Treppenhaus. Gleich würde der Alte losranzen ...

Doch er hatte Glück, denn das Gebäude wirkte an diesem Vormittag wie ausgestorben.

Super! Und die anderen sind wohl alle einkaufen oder auffer Arbeit.

Herzhaft gähnend durchquerte er den langgezogenen Flur im Erdgeschoss, setzte die Ray-Ban aus dem Chinaladen auf, und trat in den mittäglichen Sonnenschein.

»Meine Fresse, der Planet sticht aber wieder«, murmelte er und bog mit gesenktem Kopf eilig in ein nahe gelegenes, schattiges Sträßchen ab. Ein paar hundert Meter weiter lag sein Ziel, die Plaza de Espana.

Tagtäglich wimmelte es auf dem großen Platz vor Einheimischen, sowie Touristen, und der stark frequentierte Standort hatte ihm bereits gutes Geld beschert. Falls er es geschickt anstellte, konnte heute ein prima Tag werden. Schließlich lief die Hochsaison auf vollen Touren. Vielleicht sollte er einige Tanzeinlagen in die gewohnte Performance einbauen. Das mochten die Leute.

Langsam schlurfte er weiter, durch die verwinkelte Altstadt Palma de Mallorcas.

Eigentlich liebte er diese Strecke und bewunderte gern die betagten, hoch aufragenden und faszinierend wirkenden Jugendstilfassaden. Doch heute eierte er versonnen daran vorbei, gedanklich bereits intensiv an einer einfachen Choreografie feilend.

Einige Male rempelten er dabei ein paar Passanten an. Oder sie ihn? Egal.

Zerstreut murmelte er irgendwelche Entschuldigungen und wankte unbeirrt weiter.

Manchmal glaubte er, seltsame Geräusche und sogar Schreie zu hören, doch das schob er auf die Nachwirkungen der hinter ihm liegenden, durchzechten Nacht.

Als er seinen Platz, nahe dem großen, Wasser speienden Brunnen mit dem Reiterdenkmal von König Jaume (dem soundsovielten ...) erreichte, ging es ihm merklich besser. Die frische Luft und die Gewissheit, mit seiner Darbietung Freude unter den Menschen zu verbreiten, taten ihr übriges.

Ja, Ollie Schubert besaß ein gutes Herz.

Er absolvierte einen flüchtigen Rundumblick und registrierte, dass weniger Passanten unterwegs waren als sonst. Das würde sich sicher schnell ändern. An diesem Ort war eigentlich immer was los!

Lächelnd stellte er den Ghettoblaster ab und stieg in das überdimensionale Koala-Kostüm aus dickem, grauem Plüsch, dass er bis hierher geschleppt hatte. Bevor er die dazugehörigen, wuchtigen Prankenhandschuhe anlegte, hievte er den imposanten Tierschädel hoch und befestigte ihn mittels ein paar einfacher, innenseitig liegender Haken. Ollies echter Kopf befand sich darunter, im Brustbereich des Koala-Kostüms.

Seltsam, dachte er plötzlich.

Es war sogar viel stiller als sonst, zumindest was den Verkehrslärm betraf. Die nahe gelegene Avinguda de Joan March, eine der Hauptverkehrsadern Palmas, wirke ungewöhnlich leer. Hatte er etwas verpasst? War die Innenstadt etwa gesperrt? Aufgrund eines Unfalls oder einer Kundgebung? Auf Mallorca war einiges möglich ...

Er zuckte mit den Schultern. Was soll's? The Show must go on.

Mit einem der großen Plüschfinger hauchte er dem Ghettoblaster Leben ein. Bei den ersten herausquellenden Tönen musste er grinsen. Ob das auch den Spaniern gefällt?

Er begann mit den ausladenden Hüften zu kreisen, dann ruderte er mit den Armen herum und wackelte mit den Schultern. Das brachte den Koalakopf über ihm in Bewegung. Im Anschluss versuchte er sich an einem Moonwalk. Das alles zu den Takten einer eingängigen, mit wummernden Drums unterlegten Ballermann-Hymne. »Ich bin sexy. Ich bin Mister Liebe, Mann!«, ertönte die näselnde Stumme des wenig begnadeten Sängers mit Namen Mallorca-Klaus. »So sexy, so geil. Das kannst du glauben. Mach mich an, mach mich an. Hooohooohooo. Mach mich an, mach mich an. Hooohooohooo.«

Normalerweise entlockte den Passanten allein der Anblick des überdimensionalen, plüschigen Koalas ein Lachen, oft begleitet von Applaus. Doch heute geschah nichts dergleichen. 

Zwar strömten die Neugierigen in Scharen herbei, aber nicht mit dem üblichen fröhlichen Ausdruck im Gesicht.

Ollie blinzelte. Das kleine, mit Gaze getarnte Guck- und Atemloch in Höhe der Bärenbrust schränkte seine Sicht ziemlich ein. Trotzdem wirkte irgendetwas seltsam an den Schaulustigen.

Natürlich! Ihr Gang. Sie taumelten oder wankten mit unbeholfenen, eckigen Bewegungen herum. Als ob sie betrunken wären. Und es wurden immer mehr. Bald hatte ihn eine ganze Horde eingekreist. Sie stöhnten und ächzten.

Während Ollie staunte. Die meisten sahen aus, als hätten sie schwere, bis schwerste Verletzungen davon getragen. Arme, Hälse, Schultern, ja sogar die Gesichter wiesen zum Teil abscheuliche Wunden auf. War er etwa in einem dieser Zombie-Walks gelandet? Die waren gerade groß in Mode.

Vielleicht hatten sie je deshalb die Avinguda für den Verkehr gesperrt?

Andererseits, die Fleischwunden, die er erblickte, wirkten verdammt echt. Etwas zu echt für ein harmloses Spaß-Event.

Mit einem Mal wurde Ollie mulmig. Das ... das ... ist unmöglich.

Er stockte. Unter seinem heißem Kostüm machte sich Eiseskälte breit.

Doch es war zu spät. Plötzlich packte ihn jemand von hinten und riss ihn herum. Eine widerliche Fratze bleckte blutrot besudelte Zähne und schnappte nach seinem bepelzten Arm. Ollie schrie auf und schlug dem Irren mit einem der dicken, flauschigen Plüscharme ins Gesicht. Doch der Schlag verfehlte seine Wirkung; denn die Energie wurde fast vollständig durch das umhüllende Kunstfell kompensiert. Also biss der Angreifer beherzt zu. Und zerrte mit einem Ruck einen Fetzen davon heraus. Ollie schrie erneut. Ein schriller Mix aus Erschrecken, Entsetzen und spontaner Empörung.

Verdammte Scheiße! Das Kostüm war bloß geliehen!

Mittlerweile bedrängten ihn immer mehr der seltsamen Gestalten.

Er brüllte los und trat mit seinen Koalafüßen, schätzungsweise Schuhgröße 95, abwehrend um sich. »Lasst mich zufrieden, ihr Ärsche!«

Doch auch die Tritte verfehlten ihre Wirkung. Anstatt die Gegner lahmzulegen, schien das dicke, weiche Plüschfell sie zu umschmeicheln, zu streicheln, ja gar zu liebkosen.

»Mist!«

Nun umfassten zusätzliche Hände die tonnenförmige Bärengestalt, griffen nach deren Armen, Beinen und dem vorgewölbten weißen Bauch. Ollie keuchte, während er verzweifelt versuchte, der zunehmenden Belagerung zu entkommen, aber es wurden immer mehr. Was für Verrückte!

»Hilfe! Ayuda me! Policia!!!«, kreischte er aus vollem Hals.

Währenddessen bissen, zerrten und rissen hunderte Zähne weiter an seinem Kostüm, als wäre er ein duftendes Würstchen im Speckmantel und geradewegs in ein Rudel ausgehungerter Wölfe geraten.

Dann geschah das Unvermeidliche. Ollie verlor das Gleichgewicht und stürzte. Er und das ramponierte Koala-Kostüm, das gestern noch so viele Fußgänger zum Lachen gebracht hatte, prallten hart auf den grauen Asphalt.

»Hilfe!« Ollie wurde endgültig unter einer zappelnden Masse an Leibern begraben. Deren Gewicht raubte ihm den Atem, es wurde dunkel und die Ohnmacht schlug zu.

Alls das, während ein paar Schritte weiter Mallorca-Klaus ungestört johlte: »Ich bin sexy. Ich bin Mister Liebe ...«

Zumindest so lange, bis einer der Untoten über den Ghettoblaster stolperte und das Gerät umstieß.

Mit einem abartig klingenden Kreischen verstummte die Musik.

Danach war auf der Plaza de Espana nur noch eine Art vielstimmiges Stöhnen und Ächzen zu hören. Begleitet von diversen Schmatzgeräuschen.

Eine knappe Viertelstunde später, erhob sich ein riesengroßer, zerfetzter, blutbesudelter Plüsch-Koala ungelenk und stöhnend vom Boden. Langsam wankte er an dem benachbarten Reiterdenkmal entlang, passierte gleichgültig mehrere ausgeweidete Leichen und folgte schließlich einer Schar Untoter, die röchelnd in Richtung Innenstadt zog.

Ja, womöglich wäre für Ollie Schubert der Tag anders verlaufen, wenn er am Abend zuvor weniger getrunken hätte.

Wir wissen es nicht.